Alle Artikel von Igelstroem

Minimalistisches Kochen

Normalerweise geht es beim ›Kochen für Wanderer‹ darum, wie man mit vertretbarem Aufwand eine vollwertige, gesunde, nährstoffreiche warme Mahlzeit herstellt, die so ähnlich aussieht wie das Essen zuhause. Dafür braucht man einen Topf bestimmter Mindestgröße (im UL-Bereich etwa 500-600 ml, um zum Beispiel das Wasser für gefriergetrocknete Trekkingnahrung zu erhitzen) und einen Kocher, der einigermaßen effizient funktioniert und eine gewisse Mindestleistung erbringt. Gas-, Spiritus- oder Hobokocher sind dann naheliegende Lösungen.

Meine eigene Problemstellung weicht davon ab, und entsprechend fallen auch die technischen Lösungen etwas anders aus:

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Exploration und Konsum: Landschaftswahrnehmung beim Wandern

[Letzte Erweiterung: 15.03.2017]

Konsumismus

Konsumismus ist die Überzeugung, dass ›Konsum‹ – das heißt die Aneignung von Gütern – für den Menschen einen sinnvollen selbstzweckhaften Lebensinhalt darstellt. Ein solcher Selbstzweck kann der Konsum in modernen Wohlstandsgesellschaften unter anderem deshalb sein, weil für den Konsumenten die Auswahl aus einem Überangebot an Gütern eine Praxis der Individualisierung ist. In einem Umfeld, in dem sich alle mit der Aneignung von Gütern beschäftigen und zugleich alle nach Identität suchen, kann das Konsumprofil des Einzelnen als seine unverwechselbare Identität erscheinen, und der Konsum kann folglich als die Daseinssphäre erscheinen, in der Menschen überhaupt Identität gewinnen.

Eine geistige Totalisierung des Konsumismus tritt ein, wenn jedes Wirklichkeitsverhältnis die Form der Aneignung einer Ware annimmt. Auch im Verhältnis zur geographischen Landschaft ist ein solches Übergreifen konsumistischer Handlungsmuster möglich: Dem Touristen, Outdoor-Sportler oder Wanderer kann die Landschaft oder die ›Natur‹ als Produzentin von Erlebnisprodukten erscheinen, die durch Reisen und körperliche Anstrengung erworben und in einem Portfolio wertvoller ›Erinnerungen‹ angesammelt werden können.

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Tageswanderung Niederfinow – Brodowin – Chorin

Donnerstag, 24. November 2016 (21,3 km)

Diese Wanderung beginnt am Bahnhof Niederfinow, wo der früheste meiner ODS-Reiseberichte (»Von Strausberg nach Niederfinow«) endete, und ein überaufmerksamer Leser all dieser Berichte könnte feststellen, dass mit den letzten beiden Tagestouren eine geographische Lücke geschlossen wird: auf einer Route, die von Strausberg in die Uckermark und dann entlang der Mecklenburgischen Seenplatte bis fast nach Wismar oder Schwerin führt. Die Berichtslücke zwischen Niederfinow und Angermünde entspricht aber nicht unbedingt einer ›weißen Zone‹ meiner bisherigen Wanderpraxis, eher im Gegenteil; denn von Chorin nach Brodowin bin ich oft, zu verschiedenen Jahreszeiten und in verschiedener Begleitung gewandert – vor Jahren auch mal mit einem schlafenden Kleinkind in der Rückentrage, woraufhin der weißhaarige Gärtner am Kloster Chorin der Meinung war, es sei ja sehr anerkennenswert, dass ein Mann meiner Bauart ein Kind durch den Wald trage. Noch heute rätsele ich manchmal, was er damit sagen wollte.

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Tageswanderung Angermünde – Chorin (Grumsiner Forst)

Sonnabend, 19. November 2016 (20,8 km)
UNESCO-Weltnaturerbe

Der Buchenwald Grumsin liegt im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und ist ein Teilgebiet des UNESCO-Weltnaturerbes ›Buchenwälder der Karpaten und alte Buchenwälder Deutschlands‹. Tageswanderung Angermünde – Chorin (Grumsiner Forst) weiterlesen

›Seitwärts durch den Wald‹ – eine Einwanderung (von Thüringen nach Franken)

Mehrtageswanderung von ca. 170 km Länge

Diese Wanderung beginnt an einem sonnigen, unmäßig heißen Junitag in Kaulsdorf an der Saale, das sich irgendwie durch seine geografische Lage auf der Nordseite des Wandergebiets und durch seine verkehrstechnische Erreichbarkeit als Startpunkt qualifiziert hat. Von hier geht es nach Süden, über ein von Thüringern bewohntes Gebirge, durch einen von Franken bewohnten Wald, in ein anderes Flusstal, dort wieder auf einen Berg, den schon die Kelten bewohnt haben, als es noch keine Franken gab – und so weiter, gewissermaßen einem Lied folgend, dem das Titelzitat ›Seitwärts durch den Wald‹ entnommen ist.

Das Land ist ein Gottesgarten, in dem räudige Schäflein mit leichter Hand ihr Zelt auf frisch gemähten Wiesen aufschlagen und sich von Bratwürsten und Bier und Apfelschorle ernähren, sofern nicht der ›Einsiedelmann‹, von dem im Lied die Rede ist, gerade bei der ›schönen Schnitterin‹ steht und sich mit ihr über Motorsensen unterhält. Dann nämlich ist die Schankwirtschaft geschlossen, man winkt ihm vergeblich und muss sich auf den Friedhof schleichen, wo anstelle der schönen Schnitterin der Kirchenvorstand dem durstigen Wanderer entgegentritt, ihn vom Diebstahle aus dem Wasserhahn abzuhalten. »Machen Sie das öfter?« Na klar: ›Die Pforten brech ich ein und trinke, was ich finde. Oh heilge Frau von Großgeschwenda, verzeih mir Durst und Sünde.‹

Nur dass eben Großgeschwenda noch in Thüringen liegt, wo das besagte Lied gar keine Gültigkeit hat und nichts entschuldigt.

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Was ist eine Landschaft?

[Letzte Änderung am Text: 14.06.2017]

Der folgende Beitrag präsentiert eine Definition von ›Landschaft‹, sozusagen im Geist einer realistischen Phänomenologie, und erläutert die einzelnen Komponenten dieser Definition. Es geht dabei um die Frage, was Landschaft für ›uns‹ ist, bevor wir anfangen, sie als Fotomotiv , Schlachtfeld, landwirtschaftliche Nutzfläche oder Sportareal wahrzunehmen.

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Premiumwandern (III)

Was am Konzept des Premiumwanderns Widerspruch herausfordert, ist nicht der Umstand, dass überhaupt Wege ausgesucht, markiert und gepflegt werden, sondern dass eine inszenierte Erlebnisverkettung die explorative Erfahrung der Landschaft ersetzen soll. Das Wandern wird dadurch zu einem heteronom organisierten Erlebniskonsum.

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Kirschsaft mit dem Jagdpächter (Langhagen – Blankenberg)

Mehrtageswanderung von 73 km Länge im Juli 2015

Mecklenburg, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2015. Dies sind die Abenteuer des Wanderers Igelstroem, der mit seinem 988 g schweren Zelt drei Tage unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Wenige Zugstunden von der Hauptstadt entfernt dringt Igelstroem in Dörfer vor, die nie ein Wanderer zuvor gesehen hat …

Nee, noch mal von vorne: Die Wanderung beginnt dort, wo im März die vorige Tour beendet wurde, nämlich am Bahnhof Langhagen auf der Strecke Berlin-Rostock. Ziel ist der Bahnhof Blankenberg bei Warin. Dort endet vorläufig die Erkundung der mecklenburgischen Seenplatte, von der in der Einleitung des vorigen Berichts die Rede war. Oder zumindest ist Blankenberg der Endpunkt der Hypotenuse jenes rechtwinkligen Dreiecks, das ursprünglich die Leitfigur der Routenplanung war und jetzt in der Realisierung allmählich zerfällt. Als Nächstes könnte man nach Maßgabe dieses Dreiecks von Blankenberg nach Demmin (und von Demmin nach Feldberg) laufen, aber in Wirklichkeit wird wohl etwas anderes geschehen.

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Premiumwandern (II)

Wie war das eigentlich ›früher‹? Wenn man als Jugendlicher mit seinen Eltern wandern gegangen ist, fuhr man vielleicht mit dem Auto zu einem Wanderparkplatz und ging einen Rundweg, der nach Maßgabe des Zeitbudgets auf der Wanderkarte grob geplant und dann eventuell abgekürzt oder verlängert wurde.

Das konkrete ›Medium‹, in dem sich bei dieser Art des Wanderns so etwas wie ein Handlungsplan konstituieren kann, ist typischerweise eine topografische Karte mit Wanderwegen, und die Realitätsebene, in der sich der Handlungsplan realisiert, ist eine Landschaft, die von einem Wegenetz überzogen ist – oder vielmehr ein Wegenetz, das gleichsam über die Landschaft geworfen worden ist. Ein ›Weg‹ ist in diesem Zusammenhang jede für den Fußgängerverkehr geeignete ›Bahn‹ – trassiert oder bloß ausgetreten, Pfad oder Forststraße.

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Der Weg als ›Figur‹ – ein gestaltpsychologischer Denkansatz

Eine Phänomenologie des Wanderns hätte eine ganze Reihe von Kapiteln. Das erste würde vielleicht vom Gehen als leiblich-motorischer Aktivität handeln, das zweite davon, dass wir beim Gehen einem Raum ›einwohnen‹ (wie es bei Merleau-Ponty heißt), das dritte vielleicht von der ›Landschaft‹ als dem konkreten Raum, in dem gewandert wird.

Und irgendein weiteres Kapitel müsste vom Weg handeln, weil wir meistens auf Wegen wandern und weil wir typischerweise den Weg als ein signifikantes Phänomen aufnehmen: Er ist nicht einfach nur eine geometrische Struktur in dem Landschaftsbild, das wir vor uns sehen, sondern er erscheint von vornherein als etwas, das einen möglichen Bezug zu unserer Bewegung hat. Unsere Route setzt sich aus Wegstücken zusammen, aber diese sind für uns offenbar nicht alle gleich und jedenfalls auch nicht nur durch die messbare Länge unterschieden. Das Wegstück hat vielmehr jeweils einen Charakter, der sich beschreiben lässt, wenn man eine Sprache dafür findet.

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