Einführung

Wandern und Denken

Das Hauptthema dieser Website ist eine philosophische und kultursoziologische Reflexion des Wanderns. Damit wird eine Brücke geschlagen zwischen der eigenen Praxis und jenen wissenschaftlichen Thematisierungen des Wanderns, die man gelegentlich unter dem Dach der Natur- und Umweltsoziologie, der Sportwissenschaft oder der Literaturwissenschaft findet.

Geistes- und Sozialwissenschaftler haben meistens keine Zeit zum Wandern. Deshalb sind sie in Versuchung, bei ihrer Betrachtung des In-der-Natur-Seins von der Perspektive des Erholung suchenden Naturkonsumenten auszugehen, für den ›Landschaft‹ vor allem eine Erlebniskulisse ist. Müssten sie selbst diese Landschaft mit den Füßen durchmessen, so würde sich auch der Horizont ihres Denkens allmählich verändern.

Der Wanderer und seine Spur (copyright: eisen)
Der Wanderer und seine Spur   (© eisen)

Auf der anderen Seite beobachtet man bei Outdoor-Aktiven gelegentlich eine nachdrückliche Aversion gegen die Reflexion ihrer Tätigkeit – zumindest gegen eine geisteswissenschaftlich inspirierte Reflexion, die über die Pragmatik der Ausrüstung und der Routenplanung hinausgeht. Wieso das so ist, kann vorläufig dahinstehen. Jedenfalls lassen sich Reflexionsthemen in den eigentlich einschlägigen Internetforen zumeist nicht unterbringen. Es hat ungefähr zwei Jahre gedauert, bis ich das wirklich geglaubt habe. Die Einrichtung einer eigenen Website war dann die naheliegende Konsequenz.

Man kann sich diese Website als eine Theoriewerkstatt vorstellen, in der – zum Beispiel auf der Grundlage einer leibphänomenologischen Geographie – Gegenkonzepte zur Kommerzialisierung oder zur konsumistischen Überformung des Wanderns entwickelt werden. Damit es nicht bei der ideologiekritischen Polemik bleibt und das sezessive Denken eine eigene Kontur gewinnt, muss manchmal ein bisschen weiter ausgeholt werden. Die einzelnen Texte sind dann ausführlicher als ein typischer Blog-Eintrag und erscheinen auch nicht in regelmäßiger Folge. Deshalb wäre die Bezeichnung ›Blog‹ nicht ganz passend.

Gleichwohl gibt es hier, wie man es aus Wanderblogs gewöhnt ist, eine langsam wachsende Anzahl von eigenen Wanderberichten. In ihnen ist die Rede von Zugfahrten, von Fußwegen, von Begegnungen mit Menschen und Tieren, von Übernachtungen im Wald und von allem anderen, was mit dem Streckenwandern in Kulturlandschaften typischerweise zusammenhängt. Das ist manchmal unterhaltsam und manchmal etwas banal. Die Erfahrung des Wanderns als eines ›Dialogs mit einer Landschaft‹ ist freilich individueller, als sie mitunter in Online-Reiseberichten erscheint. Die Aufgabe besteht also darin, einen eigenen Ton zu finden, in dem sich das Spezifische der eigenen Erfahrung teils explizit, teils atmosphärisch mitteilt.

Kritik des Premiumwanderns

In Deutschland hat man sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, dass Wandern auf markierten Wanderwegen stattfindet, die das ›Erlebnis‹ optimieren und den Wanderer idealerweise von jeder eigenen geographischen Orientierungs- und Explorationsleistung entbinden. Die Zertifizierung von Qualitätswegen und Premiumwanderwegen nach einem quasi-wissenschaftlich erzeugten Kriterienkatalog ist die Steigerung dieser Idee ins Manische. Zugleich ist sie wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich. Das Verlangen der ›Kunden‹ nach effizientem Erlebniskonsum, das Verlangen der Tourismuswirtschaft nach Profitsteigerung sowie die innige Liebe aller Beteiligten zum bürokratischen Aktionismus ergeben zusammen einen konsumistischen Horrorcocktail, der so epochentypisch ist, dass er sich gerne als ›neues‹, ›modernes‹ oder ›zeitgemäßes‹ Wandern feiert.

Da es eine Grundsatzkritik an dieser Entwicklung im deutschsprachigen Raum offenbar nicht gibt, sind die Beiträge dieser Website zu diesem Thema nachdrücklich polemisch formuliert. Letztlich geht es zwar nur um die sehr genaue, neutrale Untersuchung einer sehr einfachen und elementaren menschlichen Tätigkeit: des autonomen Zufußgehens in einer Landschaft. Aber wenn die meisten anderen Betrachter sich dermaßen intensiv mit der Frage beschäftigen, wie man sich der Autonomie entledigen könnte, hat eben schon die Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes einen polemischen Zug.

 

Hinweise zu den einzelnen Rubriken

Aktuelles

Diese Rubrik ist eine Sammelkategorie, in der sowohl Theoriebeiträge als auch polemische Kommentare als auch Wanderberichte erscheinen. Sie ist aus der anfänglichen Kategorie ›Blog‹ hervorgegangen. Man kann hier also leicht die zuletzt erschienenen Texte ansteuern – alle Texte der anderen Kategorien erscheinen auch hier. Wer ein spezielleres Interesse an theoretischen Fragen oder Ausrüstungsfragen verfolgt oder nur die Wanderberichte anschauen möchte, sollte eine der folgenden Kategorien wählen.

Wanderberichte

Da meine früheren Berichte im ODS-Forum (www.outdoorseiten.net) erschienen sind und Berichte von Mehrtageswanderungen wohl auch weiterhin dort ›geteilt‹ werden, möchte ich mich hier teilweise mit einer Verlinkung auf die ODS-Version begnügen. Diese Berichte sind auf ein Lesepublikum abgestimmt, d.h. sie sollen unterhaltsam und geographisch informativ sein. Theoretische Fragestellungen werden dort nur gelegentlich am Rande berührt, etwa im Zusammenhang der Routenplanung und ihres Verhältnisses zur Landschaftswahrnehmung. Trotzdem besteht natürlich für mich ein permanenter Zusammenhang zwischen dem, was beim Wandern konkret geschieht, und dem, was auf dieser Website als Theorie gleichsam breitgetreten wird.

Berichte von Tageswanderungen stehen hingegen nur hier unter der Rubrik ›Wanderberichte‹, zumal es für solche Kurzberichte bei ODS kein attraktives Format gibt.

Bei allen Berichten ist als Veröffentlichungsdatum das Datum der Erstveröffentlichung (ggf. im ODS-Forum) angegeben, so dass sie hier auf der Website in der korrekten ›historischen‹ Reihenfolge erscheinen (neueste zuerst).

Ausrüstung

Unter der Rubrik ›Ausrüstung‹ wird man einiges finden, was den Tatbestand der geisteswissenschaftlich inspirierten Reflexion nicht wirklich erfüllt. Das liegt einfach daran, dass zur Erfahrung des Wanderns eben auch die Erfahrung des Sich-Ausrüstens, des Sich-Abrüstens und des Sich-Umrüstens gehört. Das Spektrum der Themen zwischen Theorie und Praxis umfasst auch detaillierte Überlegungen dazu, wie man etwas macht, was man dazu braucht und was man dabei am Leibe trägt.

Daraus geht aber keine Anleitung hervor, wie jemand anderes als der Autor seine Ausrüstung zu gestalten hätte. Die Probleme, die sich mir stellen, und die Lösungen, die ich dafür finde, sind mitunter ziemlich speziell. Wer das verfolgt, ist eingeladen, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Hin und wieder wird es in dieser Rubrik einen Beitrag von allgemeinerer Bedeutung geben, etwa zu Fragen der Gewichtsreduzierung und der Ergonomie – oder auch zur Konsumsoziologie des Ausrüstungsverhaltens.

Theorie

Diese Rubrik hat früher ›Weitschweifiges‹ geheißen und sollte eigentlich Texte enthalten, die für die Rubrik ›Blog‹ zu lang waren. Teilweise handelt es sich um Beiträge, die zuvor bereits woanders im Druck erschienen oder vorgetragen worden sind und schon von ihrem ursprünglichen Zweck her das typische Blog-Format überschreiten. Dazu gesellen sich philosophische Beiträge zumeist phänomenologischer oder gestalttheoretischer Ausrichtung, die teilweise aufeinander aufbauen oder zumindest systematisch miteinander ›vernetzbar‹ sind. Insofern bildet diese Kategorie nunmehr den Kernbereich der Website.

 

Was man hier nicht findet

Dies ist kein Blog für Natur- und Landschaftsfotografie. Zwar sind die Reiseberichte illustriert. Aber die Fotos haben nur einen dokumentarischen Anspruch. Sie werden mehr oder weniger unbearbeitet veröffentlicht. Die gesamte Thematik der technischen Optimierung des Visuellen entfällt also.

Was man hier ebenfalls nicht finden wird, sind Reiseberichte aus spektakulären Weltgegenden. Das Wandern ist eine einfache Tätigkeit, die unter Umständen an der eigenen Haustür beginnt. Es kann natürlich Gründe geben, eine weiter entfernte Region zu erkunden, wenn man dafür die Mittel hat. Aber das Zufußgehen als solches ist kein Statuskonsum, und der Wettbewerb um das spektakulärste Reiseziel gehört deshalb auch nicht zur Natur des Wanderns.