Wo laufen sie denn? Kein Wanderboom und andere Trends

Wenn man im Internet den Begriff ›Wanderboom‹ in eine Suchmaschine eingibt, bekommt man meistenteils ein und dieselbe Story aufgetischt: Früher hatte das Wandern ein verstaubtes Image, Wanderer trugen Kniebundhosen und rote Kniestrümpfe, heute aber ist das Wandern wieder modern und liegt gerade beim jüngeren Publikum im Trend. Diese Story, an der nicht einmal die Rekonstruktion der Klischees stimmt, ist irgendwann zu Beginn des Jahrtausends von den Protagonisten des ›Neuen Wanderns‹ erzählt und dann einige Jahre lang von Lobbyisten, Werbetextern und Journalisten (also von Leuten, die sogenannte Kreativberufe ausüben) mechanisch nachgeplappert worden. Jüngstes Beispiel ist ein – im Übrigen nicht ganz uninteressanter – Artikel von Dirk Schümer in der Welt.

Dem sonst von mir gern kritisierten Deutschen Wanderinstitut und seinem Autor Rainer Brämer (die an der Verbreitung der ›Story‹ nicht ganz unbeteiligt waren) kommt das Verdienst zu, noch einmal nachgezählt zu haben, und zwar durch den Vergleich verschiedener quantitativer Erhebungen zum Wanderverhalten der Bevölkerung. Das Fazit dieses Nachzählens lautet: »Es gibt keinen neuen Wanderboom. Erst recht nicht unter jungen Zeitgenossen«.

Was man den quantitativen Daten (ungeachtet ihrer auch von Brämer kritisierten methodischen Fragwürdigkeit) entnehmen kann, ist, dass es in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende eine gewisse Belebung des ›Wandermarkts‹ gegeben hat, die zumindest zeitlich auch mit der publizistischen Konjunktur des Pilgerns und des ›Neuen Wanderns‹ zusammenfallen mag. In den zehn bis fünfzehn Jahren, die seitdem vergangen sind, beobachtet man eine Erosion, und zwar insbesondere im Segment des ›Stammpublikums‹, also derjenigen, die von sich behaupten, mehrmals monatlich zu wandern; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sich zwischen 2010 und 2017 ungefähr von 10 auf 5 Prozent halbiert.

Es gibt also keinen Wanderboom. Man konnte sich das schon denken, denn wenn man selbst länger zu Fuß unterwegs ist und sich dabei ein wenig von den schlimmsten (oder meinethalben beliebtesten) Prädikatswanderwegen fernhält, begegnet man sozusagen keinem Menschen mehr. Gäbe es einen Boom, müsste man eventuell erwarten, dass sich manche Wanderer mit wachsender Erfahrung auch einmal in die Fläche verirren und das weitläufige Wegenetz abseits markierter Pfade als Mobilitäts- und Explorationsraum entdecken. Davon kann nun gar keine Rede sein.

Kommodifizierung des Wanderns

Neben der quantitativen Erosion gibt es einige qualitative Trends, die miteinander verwandt sind und sich als Herausbildung oder Verschärfung konsumistischer Verhaltensmuster beschreiben lassen. Man könnte auch generell von einem Kommodifizierungstrend sprechen, also davon, dass das beim Wandern in Anspruch genommene Ensemble von Wirklichkeitselementen – Naturlandschaften, Wegen, Points of Interest – immer weniger als widerfahrende Wirklichkeit und immer mehr als Ware betrachtet wird, die man sich teils durch Buchung und Kauf, teils durch physische Eigenleistung (also sozusagen durch Arbeit) aneignet.

Man geht also nicht mehr einfach hinaus und wartet ab, was einem beim Gehen zustößt, sondern man checkt, plant, bucht, geht an, meistert, ›nimmt mit‹ und dergleichen mehr. Die erledigten Wanderprojekte sammeln sich in einem Portfolio, das zum Beispiel in einem Wanderblog vorgezeigt werden kann. Dass sie als bestimmte, wohldefinierte Erlebnis- und Leistungseinheiten präsentierbar sein sollen, dürfte ein wesentlicher Grund für die Beliebtheit von Standardtrails auch im internationalen Maßstab sein: Dass man den Kungsleden oder den Westweg ›gemacht‹ habe, ist eben eine andere Ansage als die, dass man einige Wochen in Lappland oder im Schwarzwald umhergeirrt sei.

Der stärkste Trend auf der Ebene der Handlungsmuster ist daher in Deutschland der Trend zur Nutzung von Prädikatswanderwegen bzw. zur Gleichsetzung des Wanderns überhaupt mit dem Wandern auf Prädikatswanderwegen. Zur Kritik ist an anderer Stelle schon viel gesagt worden.



Autonomiemüdigkeit

Man kann sich das Premiumwandern so ähnlich vorstellen wie das Malen in einem Ausmalbuch. Genau so ist es nämlich gemeint, und genau so wird es auch vom gegenwärtigen Wanderpublikum angenommen. Das Wesentliche beim Malen sind ja die Farben; das Zeichnen von Konturen hingegen erfordert Übung und setzt ein elementares Autonomiebedürfnis voraus, hier speziell den Wunsch, einem Objekt selbst eine Form zu geben. Wenn dieser Wunsch nicht vorhanden ist, muss es als ein Vorteil erscheinen, wenn die Konturen vorgegeben sind und nur noch ausgemalt werden müssen.

Was sich in beiden Phänomenen – der Konjunktur von Ausmalbüchern für Erwachsene und der Konjunktur des Premiumwanderns – in zarten Strichen widerspiegelt, ist die Autonomiemüdigkeit des Individuums in liberalen Gesellschaften. Individualisierung ist zwar gewünscht, sie darf aber das Individuum nicht überfordern. Zwischen den Polen einer gleichschaltenden Vergemeinschaftung und einer idiosynkratischen Vereinsamung (die immer droht, wenn man alles selber macht, alles selber denkt und alles selber formuliert) erscheint die Verwandlung des Selbst in ein individuelles Portfolio, das sich aus standardisierten Elementen zusammensetzt, als ein akzeptabler Mittelweg. Eine Warenwelt, die solche Elemente in großer Diversität anbietet, entspricht dem genau. Die Auswahl aus dem Katalog des Gegebenen ist dann akzeptable Autonomie, und das unaufhörliche Kommunizieren über diese Auswahlpraxis ist akzeptable Vergemeinschaftung. Deshalb verständigen sich Wanderer in den Communities des Internets unaufhörlich über ihre Ausrüstungskäufe und ihre einander ähnelnden Wanderprojekte und sind letztlich glücklich, wenn alles ein bisschen verschieden, aber auch ein bisschen wiedererkennbar ist.

Entleerung der Restlandschaft

Die Standardisierung des Wanderns und der Trend zur Konzentration auf bestimmte Wanderwege als touristische ›Highlights‹ hat nebenher den Effekt, dass die Landschaft zwischen den Prädikatswanderwegen sich sozusagen entleert, sofern sie nicht vorher schon leer war. Fünfhundert Meter abseits des Westwegs oder des Rennsteigs dürfte man eigentlich niemandem mehr begegnen, es sei denn, er hätte sich verlaufen (was aber dank der exzellenten Baum-zu Baum-Markierung der Prädikatswanderwege kaum noch möglich ist). Voraussichtlich wird das dazu führen, dass das übrige, teils viel zu dichte Netz von regionalen und lokalen nichtzertifizierten Wanderwegen allmählich verfällt. Für einen geübten, das heißt verwöhnten Premiumwanderer sind diese Wege auch kaum mehr zumutbar, da er hier öfter eine Karte (oder wenigstens einen elektronischen Track) zu Hilfe nehmen müsste, um seinen Weg zu finden. Dass geographische Orientierung überflüssig sein soll, gehört ja erklärtermaßen zum Programm des Premiumwanderns. Das Orientierungsvermögen des Wanderpublikums dürfte sich also in Zukunft systematisch weiter verschlechtern – allerdings weitgehend unbemerkt, da die fehlende Kompetenz durch immer professionellere Wegemarkierung ausgeglichen wird.

Wenn man den Premium-Trend unter Raumplanungsgesichtspunkten zu Ende denkt (was man nicht unbedingt muss, denn das bloße Fortschreiben von Trends führt prognostisch oft in die Irre), könnte man ferner auf die Idee kommen, dass ein einigermaßen flächendeckendes, regional unterschiedlich dichtes Netz von Prädikatswanderwegen die (einstweilen noch gesetzlich garantierte) freie Betretbarkeit der Naturlandschaft letztlich überflüssig macht. Denn wenn der Prädikatswanderweg sich als optimale Darreichungsform ›der Natur‹ etabliert hat, ist die übrige Naturlandschaft touristisch gewissermaßen obsolet und kann für die Allgemeinheit geschlossen werden. Tatsächlich bleibt dieser Effekt bisher auf Nationalparke und Naturschutzgebiete beschränkt.

Digitalisierung und Kommodifizierung

Kommodifizierung, Verrechtlichung und Digitalisierung hängen oft miteinander zusammen. Der Weg, den man in einer Landschaft zu gehen beabsichtigt, lässt sich zum Beispiel als digitaler Datensatz darstellen, und wenn man vorhat, einen vorgefertigten Weg (zum Beispiel einen Prädikatswanderweg) zu gehen, dann kann man den entsprechenden Datensatz aus einem Katalog auswählen und herunterladen. Das erscheint zunächst einfach nützlich, aber die Praxis des ›Gehens in einer Landschaft‹ verändert sich natürlich, wenn man die technischen Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, ohne weiteres zum Maßstab des Handelns macht. Wenn man einen Weg selbst exploriert und diese Exploration digital aufzeichnet, gerät man eventuell in die Rolle des Produzenten und kann hernach den Datensatz zum Download anbieten. Wenn man ihn herunterlädt und dem vorgeschlagenen Weg folgt, ist man entsprechend von vornherein in einer Konsumentenrolle, auch wenn ein solcher Download zumeist kostenlos ist.

Jedenfalls wird der unbestimmten Alltagshandlung des Einen-Weg-Gehens durch die Digitalisierung ein wohldefiniertes Datenpaket zugeordnet. Mit einem solchen Datenpaket könnte dann (theoretisch) vielerlei geschehen: Es könnte zur privaten Nutzung verkauft werden, es könnte bei der Krankenkasse in Mobilitätsbonuspunkte getauscht werden, es könnte von einer Naturschutzbehörde ausgewertet werden, um ein Bußgeld wegen Betretens eines Naturschutzgebietes zu verhängen. Der Akt der digitalen Identifizierung einer Alltagshandlung könnte also (theoretisch) zur Voraussetzung für vielerlei wirtschaftliche oder rechtliche Anschlussakte werden.

Das ist als solches nicht gefährlich, genauso wenig wie die Erfindung der Fotografie gefährlich war, die es ermöglicht, Eindrücke einer Wanderung fotografisch festzuhalten. Aber man muss jedenfalls damit rechnen, dass das Medium, in dem sich die Identifikation einer Handlung vollzieht, auf das Handeln zurückwirkt. Die Suche nach Fotomotiven verändert die Umgebungswahrnehmung beim Wandern (also den Akt des Sehens), und ebenso ermuntert das Angebot eines Wegedatensatzes eventuell dazu, sich führen zu lassen und auf eigene Exploration der Landschaft zu verzichten. Es gibt dem Gehen eines Weges eine wohldefinierte, eventuell überdefinierte Form, genauso wie das Fotografieren dem Sehen eine wohldefinierte Form gibt.

Verwaltetes Wildcampen: Trekkinglagerplätze

Ein gutes Beispiel für das Ineinandergreifen von Kommodifizierung, Digitalisierung und Verrechtlichung (und für die Fremdbestimmungseffekte dieses Ineinandergreifens) ist die Entstehung von buchbaren Naturlagerplätzen in einigen deutschen Wandergebieten. Die Idee ist, dass man Wanderern eine dem Wildcampen ähnliche, jedoch legale Übernachtungssituation inmitten der Naturlandschaft anbietet. Eventuell gehört noch eine angelegte Feuerstelle und eine Trockentoilette zum Leistungsangebot, jedoch ohne den üblichen Komfort eines Campingplatzes.

Schon vorher gab es zum Beispiel in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern Wasserwanderrastplätze, die einen ähnlichen Standard aufweisen, aber ohne Buchung benutzt werden können. Zudem wäre in diesen beiden Bundesländern ein wildes Zelten für eine Nacht unter gewissen Umständen ohnehin legal. In den meisten westlichen Bundesländern ist das aber anders, so dass hier ein besonderes Interesse an einer organisierten legalen Lösung besteht.

Von einer ›Lösung‹ kann man natürlich streng genommen nur sprechen, wenn es auch ein Problem gibt, und das Problem besteht hier darin, dass Wanderer (bzw. Trekker), die ein intensives Naturerlebnis suchen, eventuell auch in der Natur übernachten wollen. Zugleich sind sie aber meistens zu ängstlich, um zum Beispiel eine rechtlich bloß tolerierte und nicht explizit legalisierte Form des Biwakierens zu wählen, und ein allgemeiner Trend zum illegalen Wildcampen würde den am stärksten frequentierten Wanderregionen womöglich nicht gut bekommen.

Die ersten Trekkinglagerplätze wurden 2009 im Pfälzer Wald eingerichtet, mit einigen Jahren Abstand folgten Eifel (2016), Nordschwarzwald (2017) und Spessart (2017). Träger des Angebots sind regionale Naturparke, Forstverwaltungen oder Vereine, und die Ausführungsmodelle ähneln sich deutlich. Typischerweise muss die Übernachtung im Voraus taggenau gebucht werden und kostet 10 EUR pro Zelt. Die genauen Ortskoordinaten des Platzes bekommt man im Zuge der Buchung mitgeteilt. Da die Plätze einen gewissen Pflegeaufwand haben, kann man sich den Preis bei guter Auslastung vielleicht als kostendeckend vorstellen; jedenfalls handelt es sich nicht um ein kommerzielles Angebot im Sinne eines gewinnbringenden Geschäftsmodells. Hier die Links zu den Anbietern:

Die mit den Angeboten teilweise verbundenen Planungstools legen es nahe, innerhalb der Region mehrere Plätze zu einer mehrtägigen Tour zu verbinden. Daraus ergibt sich ähnlich wie beim Premiumwandern ein bestimmter Katalog von Möglichkeiten, aus denen ausgewählt werden kann. An die Durchquerung einer Region auf einer autonom bestimmten Route (im Sinne eines geographischen Wanderns) ist dabei allerdings nicht gedacht, erst recht nicht an eine flexible Etappengestaltung, bei der man morgens noch nicht weiß, wo man abends übernachten wird. Die Buchungspflicht entspricht hier einfach einer Planungsweise, die sich um die Konstruktion eines wohldefinierten, vorstrukturierten ›Erlebnispakets‹ bemüht. Bestimmte ästhetische Elemente von ›Abenteuer‹ sind darin eingeschlossen, während bestimmte andere Arten von Kontingenz, die normalerweise mit dem geographischen Wandern verbunden sind, wie selbstverständlich ausgeschlossen sind.

Eine Grundsatzkritik an diesem Element von Fremdbestimmung gibt es, soweit das bisher zu erkennen ist, beim deutschen Wanderpublikum nicht. Das überrascht allerdings inzwischen nicht mehr, denn die Mentalitätsvoraussetzungen der (teils enthusiastischen) Zustimmung sind hier dieselben wie beim Premiumwandern: Autonome Auswahl aus einem heteronom strukturierten Produktkatalog ist ein Standardmodus des touristischen Weltverhältnisses, und noch mehr Autonomie wäre in erster Linie eine Zumutung.

Dass der Trend zu Naturlagerplätzen aus Sicht des geographischen Wanderers trotzdem zwei Seiten hat, soll hier freilich nicht unter den Tisch fallen. Man kann sich das etwa am Beispiel der Naturlagerplätze im Spessart verdeutlichen. Im Naturpark Spessart besteht im Unterschied zu den meisten anderen Naturparken in Deutschland ein Nächtigungsverbot, das sich auch auf das Biwakieren ohne Zelt erstreckt. Offizielle Campingplätze gibt es nur am Rand des Naturparks, insbesondere im Maintal. Eine mehrtägige Durchquerung der Region wäre also kaum möglich, wenn man beabsichtigt, im Freien zu übernachten und sich dabei einigermaßen legal zu verhalten. Die Situation ist insoweit ähnlich wie in den Nationalparken; nur ist der Spessart eben um ein Vielfaches ausgedehnter. Eine Reihe von Naturlagerplätzen, die sich durch Tagesetappen miteinander verbinden ließen, würde hier zumindest provisorisch Abhilfe schaffen. Man würde dann eben als geographisch orientierter Wanderer der Tatsache, dass es sich um ein Schutzgebiet handelt, dadurch Rechnung tragen, dass man sich für eine bestimmte Strecke auf eine restriktive Etappenplanung einlässt – auch wenn man dem sonst abgeneigt ist.

Schlussbemerkung

Man kann versucht sein, das zu verallgemeinern. Die Kommodifizierung und Digitalisierung von Handlungsformen und Handlungssequenzen bewirkt mitunter eine systematische Verengung der Handlungswelt, die als Erweiterung eines Produktuniversums gefeiert wird. Andererseits entstehen in den Zwischenräumen der forcierten Trends und Megatrends neue Handlungsmöglichkeiten und Mobilitätsanreize. Dass die meisten Wanderer bestimmte Wege einschlagen und sich dort häufen, reizt eventuell dazu, die weißen Zonen des Wegenetzes zu erkunden. Dass das Premiumwandern intrinsisch mit einer radikalen Verkitschung des Landschaftsverständnisses verbunden ist, reizt eventuell zu einer kritischen Geographie im weitesten Sinne. Dass das Wildcampen als buchbares Abenteuer realisierbar ist, reizt eventuell dazu, Formen des spontanen Übernachtens ohne Zelt weiterzuentwickeln. Aber zugleich mit diesen ›responsiven‹ Radikalisierungen entwickeln sich womöglich auch neue Kompromisse, die den ambivalenten Wirklichkeiten der ›Trends‹ behutsam Rechnung tragen.

 

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