Premiumwandern (III)

Was am Konzept des Premiumwanderns Widerspruch herausfordert, ist nicht der Umstand, dass überhaupt Wege ausgesucht, markiert und gepflegt werden, sondern dass eine inszenierte Erlebnisverkettung die explorative Erfahrung der Landschaft ersetzen soll. Das Wandern wird dadurch zu einem heteronom organisierten Erlebniskonsum.

Die Militanz, mit der dieses Ansinnen von den Propagandisten des Premiumwanderns vorgetragen wird, ist zunächst Ausdruck konvergierender wirtschaftlicher Interessen: Regionen und Destinationen werben um Kunden, die beiden deutschen Zertifizierungsagenturen erbringen die für die Einrichtung eines Premiumwegs erforderlichen Dienstleistungen, und die sogenannte Wanderforschung, die das Konsumangebot zum Korrelat eines objektiven Nachfragetrends stilisiert, ist mit dem Zertifizierungswesen organisatorisch verflochten. Abseits dieser Kommerzialisierung bietet sich zudem der Premiumweg als Instrument einer Steuerung von Besucherströmen in touristisch attraktiven, aber ökologisch empfindlichen Gebieten an – das taucht gelegentlich als Nebenmotiv in der wissenschaftlichen Diskussion auf.

Tourismusmarketing als solches ist nicht verwerflich. Nur ist eben die Propaganda des Premiumwanderns ein Beispiel für ein Marketing, das versucht, Bedürfnisstrukturen und Verhaltensmuster zu manipulieren und gleichzuschalten. Von Gleichschaltung kann man hier deshalb sprechen, weil es um die Verwandlung einer bestimmten, zum Beispiel kontemplativ oder explorativ motivierten leiblichen Praxis in einen effizienten Erlebniskonsum geht. Effizienter Erlebniskonsum – eine Maximierung der Erlebnisintensität oder der Erlebnismenge pro Zeiteinheit – gehört zu den Leitphantasmen des gegenwärtigen Konsumismus, und in diesem Sinne ist der Premiumweg ein Instrument der Konsumbeschleunigung, auch wenn die Phrasendreschmaschine des Marketings zugleich logisch entgegengesetzte Bedürfnisreizwörter wie ›Abschalten‹ und ›Entschleunigung‹ emittiert. Der Premiumwanderer hat idealerweise Angst, dass er etwas verpassen könnte; er ›sichert‹ sich das Erlebnis, das eine Destination ihm ›zu bieten hat‹. Diese Sicherheit ist (wie jede Sicherheit) nicht ohne Gehorsam zu denken, und deshalb gehorcht der Premiumwanderer dem Wanderzeichen, das ihn führt.

Die Begleitmusik dazu ist mitunter ein wenig schrill. Der Autor und Verleger Harald Hartusch schreibt auf seiner Domain premiumwandern.com unter dem Titel »Die Leichtigkeit der Elemente«:

»Schroffe Felsen, erdige Pfade, satt-grüne Wiesen, sprudelnde Bäche, sauerstoffreiche Luft und atemberaubende Fernsichten vor azurblauer Kulisse – Premiumwandern sorgt für ein unbeschreibliches Gefühl an individueller Freiheit, und den Mental-Kick gibt´s gratis dazu.
Finden Sie mit www.premiumwandern.com Ihren ganz persönlichen Traumpfad – frei nach dem Motto: Wo ein Wille, da ist auch ein Weg …«

Der letzte Satz könnte die ganze Idee des Premiumwanderns aushebeln, aber es ist natürlich anders gemeint, nämlich so, wie es in einer entwickelten Konsumwirtschaft immer gemeint ist: Zu jedem denkbaren Bedürfnis gibt es ein passendes Produkt, wenn man bereit ist, den Gesamtkatalog der angebotenen Produkte einstweilen als Gesamtheit der ›Welt‹ zu akzeptieren.

Das damit verbundene ›Gefühl an individueller Freiheit‹ bleibt vorsorglich ›unbeschreiblich‹. Dass man an dieser Stelle überhaupt affirmativ auf den Freiheitsbegriff rekurrieren kann, liegt nicht nur daran, dass es in einem Eimer voll Sprachschrott auf einen aufgeweichten Begriff mehr oder weniger nicht mehr ankommt; es verweist vielmehr auch auf das frühere Schicksal des Wortes und dessen Prostitutionsneigung, für die Hartusch nicht verantwortlich ist. ›Freiheit‹ ist ein Wort, das gewöhnlich mit positiven Emotionen, aber nur selten mit klaren Bedeutungen verknüpft ist, weshalb man sich nicht zu wundern braucht, wenn es sich in Reiseberichten und im Tourismusmarketing einiger Beliebtheit erfreut.

Wenn Fernwanderer, Bergsteiger oder Fallschirmspringer von dem Erlebnis der Freiheit sprechen, meinen sie damit meistens eine ziemlich vage Gefühlsqualität, die sich auf eine symbolische Herauslösung aus einer durch Bindungen bestimmten Welt bezieht, verbunden mit einer Beherrschung der Situation aus eigener Kraft. Dieses Überhebungs- und Distanzierungserlebnis ist aber zunächst nur symbolisch oder imaginär, d.h. die Welt der Bindungen, Zwänge und Abhängigkeiten wird dadurch nicht transformiert; man bemerkt nur, dass sich die Welt auch anders anfühlen kann als im Alltag der Arbeitsgesellschaft.

Ohne vergleichende Wertung kann man feststellen, dass praktische Handlungsfreiheit etwas anderes ist als dieses enthusiastische Erlebnis, also eine andere Bedeutungsschicht des Freiheitsbegriffs darstellt. Praktische Handlungsfreiheit tritt beim Wandern zum Beispiel auf, wenn man sich für eine Region, für eine ungefähre Route, für einen Weg anstelle eines anderen, für oder gegen eine Pause an einem bestimmten Ort, für einen Schlafplatz, für oder gegen eine Kontaktaufnahme mit einem begegnenden Menschen entscheidet. Man trifft sozusagen unablässig Entscheidungen, die größtenteils nicht riskant sind, aber auf den weiteren Verlauf der Wanderung Einfluss nehmen. Diese unspektakuläre Praxis der Selbstbestimmung kann auch ohne enthusiastisches Moment die Erlebnisqualität des Wanderns so sehr prägen, dass man darauf nicht würde verzichten wollen.

Das Premiumwandern verengt diesen Entscheidungsbereich, indem es den Weg vorgibt und den Wanderer vom Zwang, sich selbst zu orientieren, freistellt – eine Formulierung, die anzeigt, wie leicht sich Freiheit und Zwang uminterpretieren lassen. Für Hartusch ist die Sache, wenn man ihn beim Wort nimmt, ziemlich klar: Die Heteronomie des Premiumwanderns garantiert ein enthusiastisches Freiheitserlebnis. Und auch die übliche Wahlfreiheit des liberalen Konsumismus bleibt gewahrt: Schließlich kann der Konsument, kann die Konsumentin immer noch zwischen verschiedenen Premiumwegen wählen, und das Erlebnis bleibt sicher irgendwie ein individuelles.

Wenn allerdings das Ziel nicht die Akkumulation von genießbarem Erlebnis ist, sondern der ›Dialog mit einer Landschaft‹, ist der Weg ein anderer. Dann muss an der selbstbestimmten Exploration und an der eigenen Orientierungsleistung festgehalten werden, und dann ist auch die kontingente Konfrontation mit dem Unangenehmen (dem Asphalt, dem öden Ausblick, dem hässlichen Dorf, dem bleigrauen Himmel) ein natürlicher und unheroisch zu handhabender Bestandteil der Erfahrung. Dabei entdeckt man, was man entdeckt, und verpasst, was man verpasst – wie jedes Mal, wenn der Leib ›aus freien Stücken‹ Kontakt mit der Welt aufnimmt.

 

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