Archiv für den Monat: Dezember 2018

Deutschland diagonal: Spessart und Rhön (II)

Tag 6 (Donnerstag, 12. April 2018): Burgsinn – Sippachsmühle (17,1 km)

Am nächsten Morgen lasse ich mir etwas Zeit mit dem Aufbruch, oder vielleicht dauert es einfach eine Weile, bis ich alle meine Sachen aus dem Zelt und dem Bienenhaus wieder verstaut habe. Jedenfalls ist es schon sehr sonnig und ziemlich warm, als ich loslaufe. Auf dem Weg zurück nach Burgsinn kommt mir Frau B. mit dem Auto entgegen. Ich steige also ein, fahre mit nach Burgsinn, und dann machen wir noch eine kleine Rundfahrt zu den drei Burgen, die dem Ort seinen Namen gegeben haben. Der Erhaltungszustand der Gemäuer ist Anlass für die ein oder andere spitze Bemerkung über die landesherrliche Familie, für die die Mutter von Frau B. in ihrer Kindheit noch Frondienste geleistet hat. Und auch sonst erfahre ich einiges über die Geschichte, etwa über den 300-jährigen Burgsinner Waldprozess, in dem die Herren von Thüngen mit der Gemeinde um Waldnutzungsrechte gestritten haben. Im Jahre 1899 setzt sich die Gemeinde schließlich durch.

Zu guter Letzt setzt mich Frau B. am Discounter ab, und ich kaufe noch ein paar Lebensmittel für die nächsten Tage. Und Alnatura-Buttermilch für jetzt, denn es ist ja so warm. Leider vergreife ich mich und stelle draußen fest, dass ich die Himbeer-Zitronen-Version erwischt habe. Einmal gekauft, kann man sie nicht wegwerfen, aber der Geschmack gehört wirklich zum Ekligsten, was ich in den letzten zehn Jahren erlebt habe.

Es ist zwölf Uhr, als ich wirklich loslaufe, vom Bahnhof aus den Berg hinauf nach Osten, sozusagen Richtung Potsdam, wenn man das Deutschland-diagonal-Programm ernst nimmt. Sehr leistungsfähig bin ich heute nicht, und zeitweise bin ich wohl auch etwas missgelaunt darüber, mache immer mal Pause und fotografiere wenig. Der Tag bleibt einstweilen leer und ereignislos, ich navigiere mich auf teils markierten, teils unmarkierten Wegen durch den Wald und dann durch das Schondra-Tal.

Laubwald im Frühjahr – schon öfter gesehen
Noch eine etwas marode Rasthütte
Schondra

Als ich schon gegen Abend das Dorf Heckmühle erreiche, ist an der kleinen Kapelle am Dorfrand mal Zeit zum Kochen. Nach kurzer Zeit bekomme ich Besuch von einem Hund, einem Golden Retriever, der alles furchtbar interessant findet und mit einer geschickten Körperdrehung den Kocher umwirft. Kann ja mal passieren, viel Kraft braucht man dafür nicht, alles ultraleicht. Dann verliert er plötzlich die Lust und läuft davon. Zwei Stunden später erfahre ich in einem Abendgespräch seinen Namen, aber davon weiß ich jetzt noch nichts.

Kapelle am Rand von Heckmühle

Das mit dem Reiskochen gelingt dann doch noch, aber ich bin schon wieder mal etwas unter Zeitdruck, weil es anfängt zu dämmern und ich noch keine Ahnung habe, wo ich schlafen soll.

Vom Dorf laufe ich am Feuerbach entlang zur Sippachsmühle, die ziemlich privat aussieht, dann durch ein Naturschutzgebiet aus dem Tal heraus, und oben, kurz vor dem nächsten Dorf, könnte man eventuell am Waldrand auf dem Grünland sein Zelt aufbauen. Könnte man. Aber im Landschaftsausblick wird jetzt etwas sichtbar, das einem zukünftigen Gewitter ähnelt, also ist der Waldrand hier oben irgendwie kein optimaler Platz. Aber wohin sonst?

Und da in diesem Moment gerade ein Ehepaar mit Hund zum Abendspaziergang vorbeikommt, verstricke ich die beiden in ein Gespräch über die Frage, wo man vielleicht gut zelten könnte. Sie haben auch eine Idee, denn der Eigentümer der vorhin schon gestreiften Sippachsmühle hat doch da unten einen Zeltplatz, auch wenn der zu dieser Jahreszeit eigentlich noch geschlossen ist. Alf ist sein Name. Man kennt den Mann natürlich, aber Telefonnummer ist leider gerade nicht zur Hand.

Kaum ist das geklärt, kommt vom Dorf her ein VW-Bus angefahren. Ist er das? Ach, das ist er ja. Also gleich mal anhalten.

Und dann steige ich ein, fahre ich mit ihm hinunter und zelte in dieser Nacht auf seiner Wiese. Alf arbeitet eigentlich Vollzeit im Sägewerk, aber nebenher betreibt er noch die Sippachsmühle als Gruppenübernachtungshaus mit Selbstversorgerküche und Zeltplatz. Freilich nur im Sommer, deshalb bin ich jetzt der einzige Gast. Später kommt noch ein Freund und Geschäftspartner vorbei, der üblicherweise Kuchen für ihn backt, wenn das gerade ansteht. Deshalb sitzen oder stehen wir später draußen noch eine Weile herum, trinken ein Bier, während es dunkel wird und ein bisschen zu regnen anfängt. In der Tat gibt es ein Gewitter, aber es bleibt diesmal in einiger Entfernung.

Von dem Hund ist auch noch mal die Rede. War es ein Golden Retriever? Der heißt Ronny (oder ähnlich), gehört zu dem blauen Haus. Ja, hab ich gesehen, das Haus, war ja nicht zu übersehen.

Tag 7 (Freitag, 13. April 2018): Sippachsmühle – Geroda (13,5 + 8,7 km)
Zeltplatz Sippachsmühle (am Morgen)

So schlimm wird der Tag gar nicht. Aber eben lehrreich. Es hätte ja auch anderswo passieren können, meinetwegen Norwegen, oder auch nur mittleres Mecklenburg, und dann hätte man sich anders behelfen müssen.

Freitag der dreizehnte, wohlgemerkt, aber das ist mir morgens keineswegs bewusst.

Alf hat mir gestern gesagt, dass er mich mit dem Auto wieder dort absetzen kann, wo er mich gestern aufgegabelt hat, vorausgesetzt ich bin um sieben Uhr reisefertig. Das bin ich dann, denn ich will den Weg von gestern Abend nicht noch einmal laufen. Das Dorf, an dessen Rand Alf mich absetzt, heißt Schwärzelbach bzw. Neudorf. Genau genommen fehlen mir jetzt 100 Meter in meiner Route, ein kleines Stück Weg, das ich nicht selbst gelaufen, sondern mit dem Auto gefahren bin. Keine ›connecting footsteps‹ also, wie das bei den Fernwanderern heißt. Deutschland diagonal mit einer Lücke bei Schwärzelbach.

Ich bin erst wenige Schritte gegangen, als es zu regnen beginnt. Regenjacke, Regenhose, alles klar. Bisschen öder Weg, muss man mal sagen, in Wirklichkeit aber nur wegen dem Wetter. Nach einer Weile geht es in den Wald, dann überquere ich die Bundesstraße 27. Die kenne ich eigentlich, weil sie früher durch einen meiner Wohnorte führte und ich öfter mit dem Rad an ihr entlanggefahren bin, genau genommen konnte man sie vom Bett aus sehen, aber das war ja einige hundert Kilometer südlicher und dreizehn Jahre früher. Fällt mir jetzt nicht auf.

Hinter der Bundesstraße wird der Regen dann so intensiv, dass ich mich auf einen niedrigen Hochsitz flüchte und warte. Nahezu eine Stunde vergeht auf diese Weise. Schauerartig verstärkter Regen nennt man das.

Dann weiter durch den Wald. Und da ich offenbar nicht gut gefrühstückt habe, nehme ich am roten Kreuz die Gelegenheit wahr, auf einem nassen Holztisch meinen Esbitkocher in Gang zu bringen. Der Regen macht eigentlich auch nur Pause, deshalb gelingt das einigermaßen, auch ohne Hütte und ohne Schirm.

Rotes Kreuz

Während ich noch herumsitze, Reis ist aufgegessen, kommt jetzt auf der Forststraße die Bundeswehr angefahren. Oder genau genommen ein Bundeswehr-Jeep und dahinter ein privater Lkw mit acht oder zehn Dixi-Toiletten. Zwei Toiletten werden abgeladen und an der Wegkreuzung aufgestellt. Dann fährt der Lkw weiter, während das Führungsfahrzeug noch ein bisschen stehen bleibt, der Flecktarnmensch macht irgendwelche Aufzeichnungen in seinen Kartenblättern.

Staatstoiletten im Wald

Mal rübergehen und Gespräch anfangen.

»Moin, was is’n hier der Plan – oder ist das geheim?«

Nee, ist nicht geheim.

Der Ober- oder Hauptfeldwebel stellt sich als auskunftsfreudiges Wesen heraus.

Wir bereiten eine Übung vor, die hier am Wochenende stattfinden soll.

Ja, die Dixi-Klos sind da schon nötig. Wenn Sie als Wanderer alleine unterwegs sind, gehen Sie zum Spatengang in den Wald, ist klar, aber wenn das 220 Mann hier machen … Die Umweltschutzvorschriften heutzutage sowieso, ich sage mal, da fehlen einem manchmal die Adjektive. Einerseits. Und andererseits, auf den intensiv genutzten Übungsplätzen zum Beispiel in Hammelburg, wenn da alle zum Spatengang ins Gelände gehen, dann treten Sie irgendwann überall in Fäkalien, das will man ja auch nicht.

Hätte ja sein können, sage ich, dass ich gerade hier zum Wochenende als Wanderer auflaufe und irgendwo biwakiere.

Na ja, die Anwesenheit von Zivilisten im Übungsgebiet macht so eine Übung im Prinzip nur realistischer. Außerdem sind wir nicht auf einem Truppenübungsplatz; Sie haben also das Recht, hier Ihre Freizeit zu verbringen, wie jeder andere auch. Eventuell würde man Sie dann bitten, sich vielleicht noch mal um ein paar Kilometer zu verlegen, aber im Prinzip sind Sie dazu nicht verpflichtet. Und die Tropentarnhose, ach ja, die würde vielleicht unsere Feindkräfte ein bisschen in Verwirrung bringen …

Das war jetzt mal die Kurzfassung unseres Gesprächs. Etwas später fährt er den übrigen Dixi-Klos hinterher, und ich mache mich in Gegenrichtung auf den Weg.

Wegbild

Lange, nasse Forststraße. Ein Forstauto kommt entgegen und guckt komisch. Rechts vom Weg bleibt das sogenannte Willkommenshaus der Bayerischen Staatsforsten liegen. Im Vorbeigehen kann ich mir keinen Reim darauf machen, aber später lese ich im Internet:

»Das Willkommenshaus ist ein Sandstein- und Fachwerkgebäude zwischen Neuwirtshaus und Schönderling (in Denkmalliste) aus dem Jahr 1842. Das Willkommenshaus wurde als sogenanntes Forst- oder Waldschutzgebäude errichtet, um einer berittenen kleinen Militär- oder Polizeitruppe Unterkunft beim Schutz der Wälder vor Wilderern und Waldfrevlern zu bieten. Es könnte später als Treffpunkt von König Ludwig I und seiner Geliebten Lola Montez gedient haben – dafür gibt es keine historischen Belege. König Ludwig verweilte des Öfteren in Bad Brückenau zur Kur und ging vermutlich im Neuwirtshauser Forst auf Jagd. Das Willkommhaus diente seinerzeit auch als Jadghütte.

Als Forstgebäude wurde und wird es als Waldarbeiter- Jagd- und Betriebshütte genutzt. Es besitzt weder Strom noch Wasseranschluss und ist sehr einfach eingerichtet. Das damalige Forstamt Hammelburg sanierte um 1982 in weitgehender Eigenregie der Beschäftigten das Gebäude von Grund auf. Der Forstbetrieb unterhält es seit 2005 mit diversen kleineren Maßnahmen. Zuletzt wurde die gesamte Schindelfassade für ca. 12.000 Euro erneuert und der Außenbereich mit Sitzbänken neu gestaltet. Seitens der Bevölkerung ist es Anlaufpunkt für Wanderer und Radfahrer.«

Von Bedeutung ist das hier nur insofern, als man auf dem Gelände eventuell nächtigen könnte, auch ohne das Haus selbst in Anspruch zu nehmen.

Wenig später überquere ich mit der A7 die nächste Autobahn, und anschließend führt meine Route mal wieder eine Weile parallel zu ihr, bevor ich nach Geroda ins Tal hinabsteige. Inzwischen regnet es wieder stark, kurz hinter der Autobahn hat es begonnen.

Ich rechne in Geroda nicht wirklich mit einer Gaststätte, es gibt aber doch eine, nämlich »Die Böll« – warum die so heißt, scheint niemand zu wissen, es ist aber schon sehr lange so. Hier esse ich jetzt also zu Mittag, wegen des Regens und weil es eben gerade halb zwei ist. Prinzipiell gäbe es auch ein Zimmer für 35 oder 39 EUR, erfahre ich nebenbei. Das Würzburger Haus und die Kissinger Hütte als mögliche nächste Zwischenziele sollten geöffnet sein, dort könnte ich vielleicht mal übernachten, ich lasse mich beraten. Bis zum Würzburger Haus sind es vier Kilometer mit 340 Höhenmetern Anstieg.

Ungefähr um halb drei breche ich auf, bei unverändertem Regen. Das heißt, er ändert sich dann noch mal. Es ist eine aus dem Schwarzwald vertraute Erfahrung, dass es für die Regenintensität in deutschen Mittelgebirgen keine wirkliche Obergrenze gibt. Wenn es stark regnet, kann der Regen entweder nachlassen oder noch zunehmen. Und heute nimmt er eben zu. Ich schwimme gewissermaßen den Berg hinauf, an einem überquellenden Bach entlang, dann irgendwie durch die Wiesenlandschaft, Pause ist halt kaum möglich, nach zwei Dritteln stelle ich mich kurz in ein kleines Waldstück, um zu urinieren. Nach oben hin wird es kälter, windiger und etwas neblig. Der Regen findet diesmal seinen Weg unter die Regenklamotten, damit habe ich nicht gerechnet, war ja im Schwarzwald seinerzeit nicht wirklich gravierend. Diesmal läuft das Wasser wahrscheinlich an der Kapuze hinein und verteilt sich dann im T-Shirt.

Als ich am Würzburger Haus ankomme, bin ich nass. Und das Haus ist leider geschlossen, was eigentlich gar nicht sein kann. Ich klingele vergeblich an der Tür, umkreise das Gebäude, lasse mich dann kurz im überdachten Bereich nieder. An längere Pause ist gar nicht zu denken, dabei würde man jetzt nur auskühlen. Irgendwo tief im Rucksack ist ein trockenes T-Shirt. Ich grabe es aus und ziehe es an, anstelle des anderen, das vollkommen nass an meinem Körper klebt. Dann die dünne Daunenjacke (war im Rucksack, ist also ebenfalls trocken) und darüber wieder die nasse Regenjacke.

Noch ein Blick auf die Karte, ob man es riskieren kann, zur Kissinger Hütte weiterzulaufen. Das sind aber mindestens fünf Kilometer bei gleichbleibenden Wetterbedingungen; vielleicht würde ich das riskieren, wenn ich sicher wüsste, dass die Kissinger Hütte offen ist. Aber epistemisch betrachtet ist sie eben nur genauso offen wie das Würzburger Haus, denn von beiden weiß ich ja, dass sie offen sein sollten. Und wenn das Würzburger Haus trotzdem geschlossen ist, kann die Kissinger Hütte ebenfalls trotzdem geschlossen sein – so meine Überlegung.

Deshalb kehre ich jetzt einfach um, laufe den Berg wieder hinunter und nehme mir in Geroda ein Zimmer, um meine Sachen zu trocknen. Runter geht natürlich schneller als bergauf, allmählich wird mir auch wieder wärmer und die Passage am Bach ist entgegen meiner Befürchtung noch genauso passierbar wie auf dem Hinweg.

Wundert man sich, als ich zurück bin? Vor allem wundert man sich, dass ich das Würzburger Haus geschlossen vorgefunden habe, das sollte eigentlich nicht sein.

Jedenfalls kriege ich jetzt hier mein Zimmer. Es ist ziemlich klein, aber angenehm eingerichtet, und es gelingt mir tatsächlich, sämtliche relevanten Gegenstände bis zum nächsten Morgen zu trocknen; das Zelt, das noch feucht ist von der letzten Nacht, wird jetzt mal in der Duschkabine aufgehängt. Die Stiefel – ein Ausrüstungsteil, um dessen Wasserdichtigkeit ja immer viel Trara gemacht wird – sind übrigens keinesfalls die Schwachstelle der Regenausrüstung. Sie sind auch ohne Membran leidlich wasserfest, nachdem ich sie vorher abwechselnd mit Fett und Wachs behandelt hatte. Ebenfalls nicht besonders gelitten hat der Inhalt des Rucksacks, der ja in allen drei Taschen durch Müllbeutel passender Größe geschützt ist. Von außen wird das Cordura natürlich richtig nass, aber schon in die innere Deckeltasche dringt kaum etwas ein.

Hotelzimmer
Stiefel zum Angucken

Den Abend verbringe ich im Restaurant am Stammtisch, während ansonsten in dem Lokal ein runder Geburtstag gefeiert wird. Ich bin allerdings der einzige Gast am Stammtisch, ersetze also jetzt mal das einheimische Milieu zur Gänze (Lufthoheit ohne Kampf) und vertiefe mich nach dem Essen in ein Alibi-Kartenstudium, da ich ja sonst nichts zu lesen habe.

[wird fortgesetzt]

Leibphänomenologie des Gehens

Dieser Beitrag ist wieder einmal eine Sammlung, die je nach Produktivität ausgebaut wird oder so bleibt, wie sie ist. Bisherige Kapitel:
(1) Gehen und Fallen
(2) Gehen als Raumverhältnis

(1) Gehen und Fallen

Gelegentlich liest man, das Gehen des Menschen sei ein »aufgehaltenes Fallen«. Woher diese Formulierung ursprünglich stammt, lässt sich nicht ohne Weiteres ermitteln, denn sie wird normalerweise ohne Quelle zitiert. Jedenfalls findet sie sich bei Schopenhauer, und zwar als physisches Moment einer pessimistischen Anthropologie:

»So ist sein [d.h. des Menschen] Daseyn, schon von der formellen Seite allein betrachtet, ein stetes Hinstürzen der Gegenwart in die todte Vergangenheit, ein stetes Sterben. Sehen wir es nun aber auch von der physischen Seite an; so ist offenbar, daß wie bekanntlich unser Gehen nur ein stets gehemmmtes Fallen ist, das Leben unseres Leibes nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben, ein immer aufgeschobener Tod ist: endlich ist eben so die Regsamkeit unseres Geistes eine fortdauernd zurückgeschobene Langeweile.«
(Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. I [1819], § 57)

Im Folgejahr 1820 wird die Formulierung von Friedrich Schlegel aufgegriffen, und zwar in dem Aufsatz »Signatur des Zeitalters«, der das erste Heft der von Schlegel herausgegebenen Zeitschrift »Concordia« füllt. Freilich geht es bei Schlegel schon nicht mehr um Anthropologie, sondern um die prekäre Stabilität der konstitutionellen Monarchie in England:

»Ja es ist jene so kunstreich dynamisch abgewogene Verfassung selbst nichts anders als eine immerwährend am Ausbruche verhinderte Revolution, eine fixirte Unruhe, die vom wahren politischen Leben noch sehr weit verschieden ist; so wie einige Physiologen das Gehen als ein fortgesetztes aber unterbrochnes und gehemmtes Fallen und Niederstürzen, ja das Leben selbst als ein angehaltenes und fortwährend verhindertes Sterben in ähnlicher dynamischer Weise betrachtet haben.«
(Concordia, Heft 1 [1820], S. 69)

Schon Schlegel nutzt also den Gedanken für irgendeinen Zweck, ohne sich noch groß Gedanken darüber zu machen, ob es sich um eine phänomenologisch angemessene Beschreibung des Gehens handelt. Und dies scheint auch für den späteren Gebrauch des Schopenhauer-Zitats bis in unsere Tage zu gelten. Es handelt sich um etwas, das man zitieren kann, wenn man zur Sache selbst entweder gar keinen Gedanken hat oder bereits einen vorgefassten – etwa weil man den ›aufrechten Gang‹ real oder metaphorisch zu etwas Prekärem stilisieren möchte.

Das »aufgehaltene Fallen« kann man real an Kindern beobachten, die gehen lernen, ferner auch bei bewegungsunsicheren älteren Menschen. Im motorischen Bewusstsein des bewegungskompetenten Erwachsenen ist dergleichen aber nicht präsent. Physikalisch gibt es zwar in der normalen Bewegungsabfolge einen kurzen Moment, in dem das Aufsetzen des Fußes infolge der bereits erfolgten Verlagerung des Körpergewichts nicht mehr aufgehalten werden kann, aber dieses Fallen des Körpers in den nächsten Schritt ist mit dem Abrollen des Fußes so koordiniert, dass es nur noch als Übergabephase erscheint: Die beiden Beine tragen die Körpermasse im fließenden Wechsel, und es ist dieses leicht pendelnde und leicht wippende Tragen und Getragenwerden, das die leibliche Charakteristik des Gehens zunächst ausmacht. Die Rede vom aufgehaltenen Fallen ist demgegenüber eine kokette, mitunter geschmäcklerische Verfremdung – so als müsste der Mensch unbedingt ein ›Mängelwesen‹ sein, während andere Tiere sich einfach so entwickeln, wie es für sie jeweils von Vorteil ist.

Wenn man einigermaßen seriös vorgeht, wird man anerkennen müssen, dass Leistungen wie das zweibeinige Stehen oder Gehen ebenfalls Sachverhalte sind, die sich evolutionär als Problemlösungen herauskristallisiert haben. Oder etwas phänomenologischer formuliert: Sie sind real, weil sie unter bestimmten physischen Voraussetzungen möglich und für das jeweilige Lebewesen in einer charakteristischen Weise sinnhaft sind. Flamingos schlafen im Stehen auf einem Bein, weil sie es anatomisch können und weil es möglicherweise Vorteile für die Regulierung der Körpertemperatur hat. Menschen fühlen sich wohl im Stehen und Gehen, weil ihre Anatomie und ihr Gleichgewichtssinn sich parallel zur Aufrichtung des Körpers fortentwickelt haben. Sie sind jetzt auf zwei Beinen stehende Wesen, denen es schwerfällt, sich auf allen Vieren zu bewegen.

(2) Gehen als Raumverhältnis

Genauso wie sich im Stehen jeweils bestimmte (unbewusste oder bewusste) Arten und Grade leiblicher Präsenz ausdrücken, hat auch das Gehen – für den Gehenden selbst  ebenso wie für den Betrachter – einen Ausdruckswert, den man freilich aus leibphänomenologischer Sicht nicht einfach zu einer semantisch zu entziffernden ›Körpersprache‹ verkürzen sollte.
Der statischen Präsenz des Stehens entspricht beim Gehen eine weitgreifende, auf einen unbestimmten Zweckhorizont geweitete Erfahrung der Mobilität als Erfahrung eines Handelns und Handelnkönnens, als leiblicher Aufweis, dass die eigene Präsenz an einem Ort etwas ist, das hergestellt, aber auch wieder aufgegeben werden kann. Ich bin da, ich kann weggehen, ich kann das mit meinen Mitteln machen, kann es meinen Leib in einer anatomischen Routine machen lassen. Und ich kann nicht überall sein und kann nicht alles machen, was ich wollen könnte. Das Gehen rückt gleichsam die Omnipotenzphantasie (oder ihr Gegenteil, die Ohnmachtserfahrung) zu einer realistischen Potenzphantasie zurecht; je länger, desto nachhaltiger.

Das ist einer der Gründe, wieso das Wandern sich schon als bloßes Gehen gut anfühlen kann (ohne dass man etwas Spektakuläres darüber hinaus erleben müsste). Es geht also, so wie es hier gemeint ist, nicht um Leistung, Selbstoptimierung, Selbsttranszendenz, Grenzfindung und dergleichen, erst recht nicht um jene Vorteile des Gehens für das Denken, die immer wieder (und am liebsten von Philosophen) herbeizitiert worden sind, als müsste das Gehen ökonomisch gerechtfertigt werden. Interessant ist vielmehr die elementare Erfahrung des Gehens, von der normalerweise nicht ausdrücklich die Rede ist, weil sie uns zu selbstverständlich ist. Noch vor dem ›Dialog mit einer Landschaft‹, der dazu Anlass gibt, sich über die Ontologie oder Phänomenologie der ›Landschaft‹ oder der ›Natur‹ Gedanken zu machen, tritt das bloße Gehen im oben skizzierten Sinne als Phänomen der Leiblichkeit des Menschen, seiner Mobilität und seines Raumbezugs in Erscheinung; das ist sozusagen die primäre Erfahrung des Wanderns. Sie erklärt vielleicht, wieso Landschaft und Natur manchmal aus der bewussten Wahrnehmung verschwinden und der Weg vorübergehend zu einem Laufband wird, so dass zum Beispiel auch keine ›Exploration‹ einer Landschaft mehr stattfindet; sie erklärt aber andererseits auch, wieso das Setzen der Schritte und die Haptik des Untergrunds, der Kontakt des Fußes mit dem Boden, eine eigene Erfahrungsschicht bilden und gesonderte phänomenologische Aufmerksamkeit verdienen.

Der einzelne Schritt kann als selbständige Handlung wahrgenommen werden, in dem jemand aus dem Zentrum seiner leiblichen Umgebung heraus- und zugleich wieder in dieses Zentrum hineintritt; das bedeutet eine Veränderung der leiblichen Umgebung, in einem elementaren Sinne eine Verschiebung der Welt durch einen eigenen, kompetenten Mobilitätsakt. Eklatant nimmt man das nur wahr, wenn man wegen des Geländes seine Schritte sehr ausdrücklich setzt, plötzlich auf anderen Untergrund tritt, einen Bach überspringt, auf eine hohe Felsstufe tritt, eine Böschung hinaufsteigt, im Spagat einen umgestürzten Baum übersteigt und dergleichen – oder wenn man nach einer Pause die ersten Schritte macht, die einen weitertragen.

Am anderen Pol dieses Aufmerksamkeitsspektrums kann sich beim automatischen Gehen der einzelne Schritt in ähnlicher Weise auflösen, wie sich beim Betrachten eines Films das einzelne Bild im Bewegtbild auflöst. Das Gehen ist dann eine kontinuierliche Translation, ein Gleiten der leiblichen Umgebung, bei dem man sich ›guten Gefühls‹ auf die fehlerlose Verkettung der eigenen Schritte verlässt – ein Modus, der von erfahrenen Wanderinnen und Wanderern nicht selten als ›Rollen‹ beschrieben wird, weil die (immer noch eigenen) Beine auf der Ebene der bewussten Wahrnehmung kein Aufhebens mehr um die anatomische Komplexität ihrer Tätigkeit machen. Das Rollen bleibt aber eine leibliche Tätigkeit, die als Mobilität des ganzen Leibes, als Einheit von Tragen und Getragenwerden gespürt werden kann. Genauso wie der einzelne Schritt fügt es sich ein in den Erfahrungsbereich der Bewegungskompetenz, die beim Wandern (und überhaupt beim Gehen in einer Umgebung) ein leibliches Raumerschließungsvermögen ist.