Alle Artikel von Igelstroem

Schorfheide (I): Tageswanderung von Groß Schönebeck nach Joachimsthal

Donnerstag, 6. Juli 2017 (22 km)

Die Schorfheide gehört zu den Regionen in Brandenburg, über die man zwar etwas weiß (etwa dass Göring und Honecker hier der Jagd nachgegangen sind), die man aber normalerweise nicht zu Fuß durchquert. Der Wald ist ausgedehnt und mitunter etwas langweilig, markierte Wanderwege gibt es wenige und von der Qualität der verfügbaren Wanderkarten wird unten noch die Rede sein.

Schorfheide (I): Tageswanderung von Groß Schönebeck nach Joachimsthal weiterlesen

Wo laufen sie denn? Kein Wanderboom und andere Trends

Wenn man im Internet den Begriff ›Wanderboom‹ in eine Suchmaschine eingibt, bekommt man meistenteils ein und dieselbe Story aufgetischt: Früher hatte das Wandern ein verstaubtes Image, Wanderer trugen Kniebundhosen und rote Kniestrümpfe, heute aber ist das Wandern wieder modern und liegt gerade beim jüngeren Publikum im Trend. Diese Story, an der nicht einmal die Rekonstruktion der Klischees stimmt, ist irgendwann zu Beginn des Jahrtausends von den Protagonisten des ›Neuen Wanderns‹ erzählt und dann einige Jahre lang von Lobbyisten, Werbetextern und Journalisten (also von Leuten, die sogenannte Kreativberufe ausüben) mechanisch nachgeplappert worden. Jüngstes Beispiel ist ein – im Übrigen nicht ganz uninteressanter – Artikel von Dirk Schümer in der Welt.

Dem sonst von mir gern kritisierten Deutschen Wanderinstitut und seinem Autor Rainer Brämer (die an der Verbreitung der ›Story‹ nicht ganz unbeteiligt waren) kommt das Verdienst zu, noch einmal nachgezählt zu haben, und zwar durch den Vergleich verschiedener quantitativer Erhebungen zum Wanderverhalten der Bevölkerung. Das Fazit dieses Nachzählens lautet: »Es gibt keinen neuen Wanderboom. Erst recht nicht unter jungen Zeitgenossen«.

Wo laufen sie denn? Kein Wanderboom und andere Trends weiterlesen

Wildcampen

Der folgende Text ist ursprünglich als Gastbeitrag für ein Buch eines anderen Autors geschrieben worden. Detailfragen der rechtlichen Regelung des Wildzeltens treten in den Hintergrund, und zwar aus Gründen, die im Text selbst genannt werden. Wer an einer umfassenden Darstellung der Rechtslage in Deutschland (und in den einzelnen Bundesländern) interessiert ist, klickt hier.

Motive

Gründe, die einen zum Wildcampen, das heißt zum Zelten abseits von Campingplätzen veranlassen könnten, gibt es eine ganze Menge: Vielleicht sucht man das intensivere Naturerlebnis, vielleicht möchte man Wildtiere beobachten, vielleicht ist man irgendwie genervt von dem üblichen Treiben auf Campingplätzen. Manch einer nimmt Zelt und Schlafsack und gönnt sich ein sogenanntes Microadventure, also eine Kurztour mit einer Übernachtung in der heimischen Region. Vielleicht gibt es auch einfach keine Campingplätze in der Region, in die man reisen möchte. Vielleicht ist man zu dem Schluss gekommen, dass man den Komfort einer warmen Dusche nicht braucht, vielleicht möchte man endlich vollkommen kostenlos übernachten.

Wildcampen weiterlesen

Deutschland diagonal: Odenwald

Mehrtageswanderung von 81 km Länge im April 2017

 

<1> Einleitung

»Wo’s metaphysisch wurde, war’s ganz besonders schön.«
(Douglas Adams, aus dem Kopf zitiert)

»Was metaphysische Erfahrung sei, wird, wer es verschmäht, diese auf angebliche religiöse Urerlebnisse abzuziehen, am ehesten wie Proust sich vergegenwärtigen, an dem Glück etwa, das Namen von Dörfern verheißen wie Otterbach, Watterbach, Reuenthal, Monbrunn. Man glaubt, wenn man hingeht, so wäre man in dem Erfüllten, als ob es wäre. Ist man wirklich dort, so weicht das Versprochene zurück wie der Regenbogen. Dennoch ist man nicht enttäuscht; eher fühlt man, nun wäre man zu nah, und darum sähe man es nicht.«
(Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1966, S. 366)

In meiner Jugend war der Odenwald nur ein schemenhaftes blaugraues Gebilde links der Autobahn, dessen Auftauchen anzeigte, dass man bald den Schwarzwald erreicht haben würde. Also auch ein Versprechen, aber sozusagen nur als Vorschein des Eigentlichen.

Deutschland diagonal: Odenwald weiterlesen

Spaziergang am Mühlenbecker See

Sonnabend, 1. April 2017 (6 km)

Der Mühlenbecker See liegt im Niederbarnim am Oberlauf des Tegeler Fließes und ist wegen seiner Nähe zum Autobahndreieck Pankow von Berlin aus leicht mit dem Auto zu erreichen. Man fährt vom Dreieck Pankow nur wenige Kilometer bis zur Ausfahrt Mühlenbeck auf dem nördlichen Berliner Ring. Im Dorf Mühlenbeck biegt man hinter dem Rathaus links ab und fährt das Asphaltsträßchen bis kurz vor der Autobahnbrücke; hier gibt es einen Wanderparkplatz, an dem unser ziemlich kurzer Spaziergang beginnt und endet.

Spaziergang am Mühlenbecker See weiterlesen

Glanz und Elend der Landschaftspsychologie

Die Vorstellung, dass unser Alltagsverhalten weitgehend durch genetische Programme determiniert sei, in denen sich die Erfahrungen unserer Urahnen manifestieren, ist für viele Menschen vermutlich aus zwei Gründen attraktiv.

Erstens entlastet eine solche Theorie den Einzelnen von jenem Übermaß an Verantwortung, das die moderne Gesellschaft ihm üblicherweise aufbürdet. Zweitens ermöglicht sie ihm ein Überlegenheitsgefühl in dem Sinne, dass er sich nunmehr einbilden kann, das Verhalten anderer Menschen besser zu verstehen als diese selbst. Die bedrohliche Kontingenz des Verhaltens anderer schrumpft damit zum Material eines Gesellschaftsspiels, in dem man dem Anderen mit blasiertem Lächeln vorhalten kann, er sei eine Marionette dieses und jenes genetischen Programms, das man selbst aber durchschaut habe.

Glanz und Elend der Landschaftspsychologie weiterlesen

»Muss es immer Premium sein?« – Kratzspuren einer Debatte

Systematische Kritik an der Idee des Premiumwanderns gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht. Regional wird seitens der klassischen Wandervereine gelegentlich die Frage aufgeworfen, inwiefern die Entstehung von zertifizierten Prädikatswegen zu einer Überforderung der ehrenamtlichen Wegearbeit führt oder sogar die bisherige, gleichsam flächendeckende Pflege des Wanderwegenetzes gleichsam entwertet. Beiträge zu dieser Debatte findet man zum Beispiel in Heft 3/2015 der Zeitschrift des Schwarzwaldvereins.

Der Pressesprecher des Schwarzwaldvereins Stephan Seyl stützt in diesem Heft seine persönliche Kritik des ›Zertifizierungswahns‹ zwar auf Grundsatzüberlegungen zur Landschaftsästhetik, zur Erlebnisinszenierung und zum Konsumverhalten, aber diese Stellungnahme (mit der ich sympathisiere) bleibt gewissermaßen singulär:

»Muss es immer Premium sein?« – Kratzspuren einer Debatte weiterlesen

Tageswanderung zum Baasee

Sonnabend, 4. März 2017 (12,5 km)

Wandern ist ein Hobby der weißen Mittelschicht des globalen Nordens. An dieser Einsicht führt sozusagen kein Weg vorbei, auch wenn das Thema einer ethnischen Segregation des Outdoor-Sports im Allgemeinen und des Wanderns im Besonderen in der deutschsprachigen Tourismusforschung so gut wie keine Rolle zu spielen scheint. Man weiß das einfach aus der Alltagserfahrung und redet normalerweise nicht darüber. Besonders gewitzte Zeitgenossen würden vielleicht erklären, dass ihnen die Hautfarbe ohnehin nichts bedeutet und sie daher nicht darauf achten, ob ihnen auf einem Wanderweg jemals ein Mensch mit dunkler Hautfarbe begegnet ist.

Tageswanderung zum Baasee weiterlesen

Minimalistisches Kochen

Normalerweise geht es beim ›Kochen für Wanderer‹ darum, wie man mit vertretbarem Aufwand eine vollwertige, gesunde, nährstoffreiche warme Mahlzeit herstellt, die so ähnlich aussieht wie das Essen zuhause. Dafür braucht man einen Topf bestimmter Mindestgröße (im UL-Bereich etwa 500-600 ml, um zum Beispiel das Wasser für gefriergetrocknete Trekkingnahrung zu erhitzen) und einen Kocher, der einigermaßen effizient funktioniert und eine gewisse Mindestleistung erbringt. Gas-, Spiritus- oder Hobokocher sind dann naheliegende Lösungen.

Meine eigene Problemstellung weicht davon ab, und entsprechend fallen auch die technischen Lösungen etwas anders aus:

Minimalistisches Kochen weiterlesen